| „Der Kapitalismus ist tot! – Es lebe der Virtualismus!“ |
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| Geschrieben von: Walter Schönthaler |
| Sonntag, den 17. Juni 2012 um 00:00 Uhr |
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„Der Kapitalismus ist tot! – Es lebe der Virtualismus!“  SCHÖNTHALER: Herr Raskol, mit Ihrem neuen Buch „21 Cent – oder die Kunst des Pfidschigogerlns“* haben Sie der Spekulation eine ideologische Basis gegeben.
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Was sind die Bestandteile Ihrer Virtualismus-Ideologie?
Die 3 wichtigsten Grundsätze des Virtualismus sind:
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Wie soll ich das verstehen?
Stellen Sie sich einfach vor, Produktion und Derivat-Business seien Kartenspiele. Dann entspricht die reale Produktion dem Bauernschnapsen, das derivative Finanzprodukt dem Bridge-Spiel.
Aha! Oft wird behauptet, dass sich Kapitalismus und Marktwirtschaft in einer Krise befinden. Was sagen Sie dazu?
Wer behauptet denn, dass wir uns im Zeitalter des Kapitalismus befinden? Wir befinden uns schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr im Zeitalter des Kapitalismus!
 In der Zwischenzeit hat der Virtualismus das Match gegen den Realo-Kapitalismus haushoch gewonnen. Nicht zuletzt auch durch den Einstieg der Sparkassen und Geschäftsbanken in das CDS-Geschäft.
Was sind CDS?
CDS ist die Abkürzung für Credit Default Swaps. Um es einfach auszudrücken: CDS sind Wetten auf das Unglück anderer.
Also, ich kann es Ihnen – niveau-adaptiert – wie folgt erklären: Wenn ich Ihr Haus mit CDS gegen Feuer versichere und es brennt ab, bekomme ich die Versicherungssumme.
Und was bekomme ich dann als Hausbesitzer, der den Schaden hat?
Nichts! Das ist ja das Zauberhafte an CDS: Sie haben den Schaden – und ich bekomme ihn ersetzt.  Von den CDS sind Hunderte Milliarden im Umlauf. Aber keiner weiß, wer die CDS hat, weil sie nicht in der Bilanz sind. Es ist wie beim „Schwarze Peter Spiel“. Kein Wunder, dass manche Investmentbanken einander kein Geld mehr borgen.
Ist unser amerikanischer Traum – „vom Tellerwäscher zum Milliardär“ noch am Leben?
Selbstverständlich. Es hat sich nur der Inhalt des Traums geändert: Vor 20 Jahren träumten junge Leute davon, durch Produkte oder Dienstleistungen reich zu werden. Heute sieht der Traum der jungen Wirtschafts-Elite ganz anders aus: mit nur 6 % Eigenmitteln über derivative Finanzprodukte in ein paar Wochen zum Millionär.  SCHÖNTHALER: Mit Rohstoffen spekulieren? Ist das nicht ein bisserl unmoralisch?
Ich verrate Ihnen was: Man hat in letzter Zeit viel Unsinn hören müssen, was Rohstoffe betrifft. Das Dümmste war wohl, die gestiegene Nachfrage aus den BRIC-Staaten oder den Klimawandel für die Berg- und Talfahrt der Rohstoffe seit 2006 verantwortlich zu machen. Zuerst waren an der Rohstoff-Hausse angeblich die Chinesen schuld, weil sie von einem Jahr aufs andere um 78 % mehr Weizen essen … Dann soll der Biosprit für die hohen Getreidepreise verantwortlich gewesen sein … Alles Unsinn! Derartige Erklärungen für die Preisentwicklung am Rohstoffmarkt heranzuziehen, ist ähnlich sinnlos, als würden Sie die Qualität eines beliebigen Objektes, das Sie auf einem Digitalfoto sehen, ohne Ansicht des Originals bewerten wollen. Verstehen Sie, was ich meine?
Ehrlich gesagt: … nein.
Termingeschäfte mit Rohstoffen sind wie Digital-Fotografien: Sie wissen nie, was aus dem Original zuletzt werden wird, im Grunde existiert überhaupt gar keines. Das Foto kann zigmal verändert und manipuliert worden sein, es ist nur scheinbar real. Kaffee, Saftkonzentrat, Weizen, Mais, Soja, Zucker, Kakao etc. werden auf virtuelle Weise zigmal verkauft und gekauft. Aber in der Realität existiert nur ein Bruchteil des gehandelten Volumens. Waren-Terminhandel bedeutet, dass man Digital-Fotografien der Rohstoffe handelt, nicht aber die Produkte selbst. Die Rohstoffe selbst braucht man ja auch nicht. Jedes Foto, jeder Kontrakt, ist wie eine Investition in ein Kunstwerk. Und dabei gibt es nur zwei Möglichkeiten: Top oder Flop!
Aber das hat doch Auswirkungen, wenn man mit Grundnahrungsmitteln spekuliert. Ich habe in der Statistik der UNO-Organisation FAO im Internet gelesen, dass der Food Price Index der 50 wichtigsten Rohstoffe weltweit innerhalb der letzten sechs Jahre von 127 auf 214 gestiegen ist. Das entspricht einer Steigerung der Rohstoffpreise um 69 % – in nur sechs Jahren, also im Schnitt gut 10 % pro Jahr. Andererseits leben mehr als drei Milliarden Menschen von weniger als zwei Dollar pro Tag. Und die Hersteller von Lebensmitteln, die mit den Rohstoffen nicht spekulieren, sondern sie wirklich brauchen, weil sie sie verarbeiten, sehen sich in letzter Zeit mit Preisschwankungen konfrontiert, die von Jahr zu Jahr unkalkulierbarer werden. Die Preise für Rohstoffe fahren Achterbahn, seit große Hedgefonds und Investmentbanken massiv in die Spekulation eingestiegen sind.
Ja, sehen Sie: Daran können Sie erkennen, wie faszinierend Virtualismus ist! Reale Produktion ist langweilig, prozessorientiert und arm an Über-raschungen. Ganz im Gegensatz zu virtuellen Produkten. Termingeschäfte, CDS, Optionen und andere Wetten sind kreativ und intelligent und daher nur für die eingeweihten Glasperlenspieler des Virtualismus geeignet. Aber ich gebe zu: Die Regeln sind schwierig, man muss das Geschäft gründlich verstehen. Manche Sparkassenmanager verstehen ihre eigenen Credit Default Swaps selbst nicht ganz und müssen dann halt zum Ultimo ein paar Hundert Millionen in ihrer Bilanz abwerten. Abgesehen von diesen bedauerlichen Ausnahmefällen, ist virtuelles Geld besser und treuer als reales, denn es verzinst sich in der Regel wesentlich höher als das Kapital, das in Produktion oder Dienstleistung investiert wird.
Darf ich Sie dann etwas uncharmant und in alpiner Direktheit fragen: Heißt das, dass jeder, der real etwas produziert oder eine konkrete Dienstleistung erbringt, ein Trottel ist?
So krass würde ich das nicht ausdrücken wollen … Aber Sie sollten verstehen: Die Produktion kann keine Angelegenheit der entwickelten Staaten sein. Ein vernünftiger, gebildeter Mensch wird heute nichts mehr produzieren. Wenn er die bildungsmäßigen Voraussetzungen, eine gute Kinderstube und die intellektuelle Kapazität dafür hat, wird er sich auf die höhere Stufe der Virtualisierung begeben. Und das ist eben das Business mit derivativen Finanzprodukten.  Mittlerweile haben sogar schon die hartnäckigsten Sozialromantiker und die sogenannten sozialen Marktwirtschaftler der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mitbekommen: Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Produktion, sondern in der Ära der Information. Information ist Wissen. Wer Wissen hat, hat Macht. Ohne Wissen sind Sie ein Niemand.
Herr Raskol, Danke für das Interview.
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